Der Dichte Fürst

Dass es eine solche Veröffentlichung heute gibt: Romantische Liebesgedichte, akzentuiert und getragen von melancholisch leichten Klavierflächen, gepresst auf blutrotem 10″-Vinyl, dazu ein Begleitheft aus feinstem Papier. Es ist ein haptischer Genuss, den das Label Delikatess Tonträger da veröffentlicht.

Der dichte Fürst scheint ohnehin aus der Zeit gefallen: Durch jede Silbe spukt ein alter Geist, ein Echo der Ruhe alter Zeit, eine Erinnerung an Liebe, als sie noch anders war irgendwie. Er vermag es, das Schöne zu erkennen, abseits von Konsum und Tinder, im menschlichen Antlitz wie in der Natur und im alltäglichen Leben und Fühlen.

Angefangen hat alles mit Konfrontation. Als Der dichte Fürst vor einigen Jahren in dem legendären Hamburger Punk- und Indie-Klub MOLOTOW hinter dem Tresen stand, überrumpelte er Rocker, Trinker, Hipster, Tänzer und die Mosh-Pit-Kids zu jeder vollen Stunde mit Lyrik. Die DJane legte Klaviermusik auf und Der dichte Fürst sprang in feinem Zwirn zum Vortrag auf den Tresen. Natürlich kam das nicht bei allen gut an. Haters gonna hate. Doch Der dichte Fürst brachte so mehrere hundert selbstveröffentlichte Gedichtbände unter das Volk. Die Themen: Das Ver- und Entlieben in unserer Zeit der Post-Love, in der Ich-Bedürfnis und erlerntes Ideal so gar nicht zusammenpassen wollen. Und natürlich: Knutschen in Klubs, Einsamkeit in Menschenmassen, das Schreiben-Müssen selbst, Jugend, Natur, Revolte, bei dem Scheiß der Anderen einfach nicht mehr mitspielen.

Zusammen mit dem Pianisten Martin Dörr wurden nun aus einigen dieser Gedichte Lieder an der Schnittstelle zwischen Lyrik und Musik. Dörr wirkte schon als Produzent, Arrangeur, Remixer, Ghostwriter, Komponist, Studiomusiker, DJ, Game-Sound-Designer, Lustobjekt, oder Live-Tastenmensch verschiedenster Bands – er ist ein scheuer Hans Dampf in allen Gassen.

Die Musik des Pianisten auf „Harz“ ist viel mehr als Untermalung, sie überführt die Gedichte in eine neue Form, macht sie sinnlich erlebbar, ja das gesprochene Wort braucht hier das Klavier wie der Buchstabe das Papier. Sein Spiel kommt mal als leichte Träumerei daher („Allee“) und mal als essentielle Bedrohung („Chemie & Kunst“). Ob zwei Protagonisten einander finden, entscheidet nicht zuletzt der Klang des Klaviers.

Auf „Harz“ geht es um Liebende in der Großstadt. In „Identisch“ sitzen Zwei auf Theaterstufen und nähern sich an, durchleben selbst die alte Schnulze des Schnittmengen-Entwerfens. In „Erhebe dich und deine Stimme“ verschlägt es den Protagonisten vor der verpflichtend romantischen Hafenkulisse gar die Sprache. Die Zuneigung offenbart sich höchstens in einem inneren Mantra: „Doch wenn Zwei aufeinander warten / führt es Keinen zu dem Andern“.

In der großen Stadt lernen sich natürlich auch Künstlerexistenzen im nächtlichen Getümmel kennen. Um eine dieser Bekanntschaften geht es in „Chemie und Kunst“: Die Erzählstimme verliert sich in der Kunst des Gegenübers, lässt sich formen und verdrehen, wechselt die Aggregatzustände, bis sie ihre Seele in die Fußspuren des Liebesobjektes gießt, in der Hoffnung, dass es denselben Weg zurück nimmt und so zumindest noch eine Berührung der Fußsohle erwartbar ist. An dieser Stelle unterbricht Der dichte Fürst seinen ruhigen, warmen Erzählton und die Stimme überschlägt sich im Schreien.
Während die lyrische A-Seite in einem alten Gestus dargebracht wird, ist auf der B-Seite eine Geschichte in poetischem Rhythmus zu finden, zwischen Diskokugel und Abrissbirne: Ein junger Mann sitzt in der Bar des bereits erwähnten MOLOTOW und erwartet sein Date. Die junge Dame ist gerade auf dem Weg zu ihm, holt nur kurz Kippen an der Essotanke direkt um die Ecke. Der junge Mann blickt auf die Flyer und Plakate, versinkt in Erinnerungen. Er stellt sich vor, wie sie näher kommt, spürt sie schon von weitem, zählt die Schritte rückwärts in seinem Kopf, wie ein Countdown: „Sie hat 181 Schritte vor sich. Ich habe sie schon einmal gezählt.“

Der Schauplatz dieser Geschichte ist für den Hamburger von großer Bedeutung. Denn der Weg von der Esso-Tankstelle bis in das alte Gebäude des MOLOTOW markiert die sogenannten Esso-Häuser, die im Sommer 2014 abgerissen worden sind und im Zentrum hitziger Hamburger Gentrifizierungsdebatten stehen.

Doch warum eigentlich „HARZ“? Im Titel drückt sich auch die Position des Fürsten gegenüber seiner eigenen Lyrik aus. Harz, das ist das Blut der Bäume. Harz verschließt ihre Wunden. Harz, gesprochen: Hearts. Harz ist klebrig. Kitsch ist klebrig. Aber: Heilt Kitsch unsere Wunden?

Der dichte Fürst ist ein Erinnerer. Er erinnert Dich an die große Geste, an eine Romantik, die keine Kerzen benötigt, an einen Sturm und Drang, der das Leben hymnisch feiert.

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